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Was haben ein Kamel und „Störungen haben Vorrang“ gemeinsam?

StörungskamelNeulich – es ist noch gar nicht so lange her – brach sich wieder einmal der mittlerweile sehr geläufige Kommunikationsgrundsatz „Störungen haben Vorrang“ Bahn. Ursprünglich ein sehr sinnvolles Instrument zur Verbesserung und Widerherstellung von Kommunikation, kann es auch geschehen, dass dieser unumstritten nützliche Grundsatz, auch an seiner ursprünglichen Zielsetzung knapp vorbeigeht.

Ist dies nicht ein Widerspruch in sich?!

Folgendes hatte sich zugetragen: ein Grüppchen Arbeitswilliger war guten Mutes zusammengekommen, um weiter an einem Projekt zu arbeiten, das bereits im alten Jahr begonnen und in das bereits viele Arbeitsstunden investiert worden waren. Bevor es nun weiter in der Sache vorangehen konnte, meldete ein Teilnehmer eine Störung an und bat die anderen um Rückmeldung. Die Rückmeldungen verdeutlichten, dass bei dieser Störung zwei Personen direkt, drei insgesamt betroffen waren. Die anderen waren, wie gesagt, nicht betroffen, nahmen keine Spannungen und Störungen wahr. Nun kam es wie es dem Grundsatz entsprechend kommen mußte: Anstatt den Impetus des Beginns aufzugreifen, ging es erst einmal zurück in die Vergangenheit, wo zwei Personen ihre jeweiligen Standpunkte, Eindrücke, usw. schilderten. Die ganze andere Gruppe war in den Zeugenstand der Auseinandersetzung versetzt. Nach der ganzen Debatte konnte dann tatsächlich irgendwann auch wieder der eigentliche Zweck des Treffens, nämlich die Arbeit am besagten Projekt in der Gesamtgruppe fortgeführt werden.

Letzteres war sehr erfreulich und konstruktiv. Warum widme ich mich nun diesem Thema so ausführlich? Jede/r kennt vielleicht Ähnliches aus den eigenen Arbeitszusammenhängen … Ich strebe eine kritische Diskussion zum besagten Grundsatz an: Denn so hilfreich er sein kann, so bietet er auch eine Art „Geheimwaffe“: Wer wird widersprechen, wenn jemand eine Störung anmeldet? Wer traut sich, auf der Stelle nicht alles stehen und liegen zu lassen, um eben dieser angemeldeten Störung Vorrang einzuräumen? Eben. So ist es. Andererseits scheint mir, diesem Grundsatz sofort immer zu folgen, losgelöst vom jeweiligen Kontext, auch nicht immer das beste Vorgehen zu sein. Denn: Der Aspekt der jeweiligen Rolle der Anmelder/innen und der damit verbundenen Anforderungen an die eigene Selbststeuerungsfähigkeit und Verantwortung kommen mir dabei zu wenig vor.

Denn: Wenn ich den Grundsatz als solchen als umumstößlich begreife, schützt er mich auch davor, mich selbst gegebenenfalls einmal zurückzunehmen – um der Sache, des guten Ergebnisses willen. Mich selbst einmal in die zweite Reihe zu stellen, mich und meine Affekte zu steuern und meinen Aufmerksamkeitsfokus zu verlagern, das eigne Mißempfinden aus dem Rampenlicht zu nehmen. Sicher: einfach ist das nicht unbedingt. Aber eine Herausforderung, die auch persönliches Wachstum bedeuten kann. Mich zu kennen, meine Gefühle differenziert wahrzunehmen, mich selbst als ein sich entwickelndes Subjekt zu begreifen, heißt auch, mich steuern können, ohne dies alles zu vergessen. Eine Herausforderung, der man sich stellen kann. Aber nicht muß.

So kam mir das Kamel in den Sinn, das gleich wieder das erste Grün, das sich zaghaft über eine unangenehme Sache ausgebreitet, abfrisst. Egal, ob nochmal was nachwächst – Hauptsache weg damit! Dem Wüstentier unterstellen wir in unserem Kulturkreis gern Dummheit, was u. a. auch durch dieses sein Verhalten, Bestätigung zu finden scheint. Es verhält sich nicht klug. Es scheint sich und sein Verhalten, aus menschlicher Sicht, nicht steuern zu können. Es erlegt sich selbst keinen Verzicht auf und kann sich unter einem Belohnungsaufschub nur wenig, wenn nicht nichts vorstellen. Es sieht nicht den Nutzen, den ein wenig mehr Abwarten mit sich bringen würde – vielleicht mehr Gras? So ist es manchmal durchaus klug, dem Gras mehr Zeit für Wachstum zu lassen.

Fazit: Nicht immer sollten Störungen Vorrang haben. Jedenfalls nicht als ehernes Gesetz. Störungen sollten ihren Platz  bekommen – aber nicht sofort und immer in der ersten Reihe sitzen dürfen. Vielleicht ist es gut, ihnen zu vermitteln, dass man sie wahrnimmt – und auch wieder auf sie zurückkommen wird – nur nicht reflexhaft sofort und mit höchster Priorität.